Mein persönliches Lauftagebuch
[Intro]
„Du bist doch bekloppt !!“ Unzählige Male hörte ich diese Worte vor einigen Jahren, als ich mich dazu entschloss, einen Marathon zu laufen – ich wollte mir (und anderen) nur beweisen, dass es zu schaffen ist. Ich spielte damals noch in der Unihockey-Bundesligamannschaft der Löwen Leipzig und hatte dementsprechend zwar viel Training aber mit Sicherheit nicht die optimale Vorbereitung für ein Langlaufevent – 3:51h war ich damals unterwegs, war stolz wie Oskar, a) überlebt zu haben und b) gleich auf Anhieb unter 4h geblieben zu sein. In den Folgejahren lief ich noch einmal in Paris und einmal in Berlin, wobei es für mich dabei aber eher um das Event an sich ging als darum, eine gute Zeit zu laufen. Nach dem Ausstieg aus dem aktiven Unihockeysport hat mich kurz vor Erreichen des 30. Lebensjahres inzwischen wieder der Ehrgeiz gepackt, den Marathon mit dem Ziel zu bestreiten, meine noch immer bestehende Bestzeit von 3:51h zu knacken bzw. gar die 3:30h in Angriff zu nehmen und sehe in der Teilnahme am diesjährigen Laufseminar eine fantastische Möglichkeit, mich bestmöglich vorzubereiten.
Ich erhielt letzte Woche den Trainingsplan für die kommenden 20 Wochen bis zum Startschuss am 25.04.2010 und beim ersten Blick darauf höre ich wieder diese Worte: „Du bist doch bekloppt !!“ - diesmal von mir selber …
In diesem Sinne wünsche ich allen ähnlich Bekloppten und Lesern dieses Lauftagebuches viel Spaß beim Verfolgen meiner Erfahrungen der nächsten Wochen und allen Teilnehmern des Laufseminars dauerhaft hohe Motivation und vor allem Freude bei der Vorbereitung auf den großen Tag Ende April.
Ich werde dieses Lauftagebuch parallel auf shavedturtle.wordpress.com führen – da besteht auch die Möglichkeit, meine Beiträge zu kommentieren bzw. mit mir Kontakt aufzunehmen, falls es Läufer/-innen gibt, die mal ne gemeinsame Runde am Wochenende drehen wollen – ansonsten sprecht mich einfach donnerstags an. Ich bin der mit der weißen Columbia-Mütze in der (aktuell) 4:30min/km-Gruppe :-)
Woche 1
Meine ersten 2 Trainingseinheiten absolviere ich in Hamburg – 3 Tage Urlaub, so dass ich den Montag und den Dienstag dazu nutze, an der Außenalster bzw. um sie herum zu laufen. Links spiegelt sich das Panorama der Hamburger City auf dem Wasser – rechts reihen sich Villen aneinander und während aus den Kopfhörern Sammy Deluxe, Das BO und Jan Delay (wenn schon Hamburg, dann aber richtig) erklingen reifen in mir Pläne, einfach die ein oder andere dieser Villen zu kaufen bis mich ein bellender Hund in die Realität zurückholt … §*#!* Köter. Minusgrade über Nacht, der Winter ist also da – Schluss mit den Tagen im November, als man bei 15Grad, Sonnenschein und perfektem Grillwetter noch ne gemütliche Runde in Leipzig drehen konnte. Am Donnerstag steht das erste gemeinsame Training auf dem Testfeld, Campus Jahnallee an. Immerhin soll der heraufbeschworene Regen zur Premiere ausbleiben.
Die erste Woche des 20wöchigen Vorbereitungsprogramms ist Geschichte. Zum ersten gemeinsamen Lauftraining am Donnerstag auf dem Testfeld auf dem Campus Jahnallee sammelte sich ein große Traube an Läufern – ich kam 10Minuten vor dem offiziellen Startschuss an, lief mich noch gemütlich 2 Runden auf der neuen blauen Tartanbahn ein, gesellte mich dann in die 4:30min-Gruppe und musste feststellen, dass die Probleme, die ich seit Dienstag an der Wade hatte zwar während des Laufens fast verschwanden, aber nach dem Training eher stärker waren als davor.
Dank moderner Technik am Armgelenk hatte ich eine genaue Übersicht über die einzelnen Runden, die absolviert wurden und da ich zumeist auf der 3. oder gar 4. Bahn lief, war ich logischerweise schneller unterwegs als die Läufer auf der Innenbahn – laut den Daten des Forerunners war ich demnach bei keinem Abschnitt langsamer als 4:20mins/km, da ich ja in der gleichen Zeit immer ca. 50-70Meter mehr lief … Die letzten 3 km waren schon recht anstrengend – die 5km mit dem Fahrrad nach Hause im Anschluss kamen mir auch irgendwie doppelt so lang vor :-)
Da sich das „Zwicken“ in der Wade bis Samstag früh noch nicht wirklich verabschiedet hatte, sah ich mich gezwungen, die 10km-Einheit nicht zu bestreiten. Stattdessen lockte der Weihnachtsmarkt in Hamburg mit diversen Leckereien, die wohl nur aus Geschmacksstoffen und Kalorien zubereitet werden – das schlechte Gewissen und ein Sonntagmorgen ohne Beschwerden trieben mich raus an die frische Luft – ich wollte den Umstand der Wadenwunderheilung durch Glühwein ausnutzen und zumindest 15km der eigentlich anstehenden 20km schaffen – am Ende lief ich gar die volle Distanz ohne Probleme und gehe nun frohen Mutes und der Zuversicht in die 2. Woche, ohne weitere Hindernisse den Trainingsplan mit 5 Häkchen zu versehen :-)
Woche 2
Die Woche beginnt nochmals in Hamburg, wo mir ein gewisser Herr Labbadia auf meiner Runde begegnet – auch er dreht bei kaiserlichem Wetter eine Runde an der Außenalster. Ansonsten merke ich schon, dass ich tags zuvor 20km gelaufen bin – immerhin die längste Distanz in diesem Jahr. Zur Belohnung steht abends ne Weihnachtsfeier an und die Aussicht auf nen freien Dienstag, da ich ein bisschen in dem ursprünglichen Trainingsplan tauschen bzw. verschieben musste.
Nach der gemütlichen Einheit am Mittwoch und dem Blick auf den Wetterbericht für Donnerstag, verspüre ich irgendwie dann doch nicht direkt die ultimative Vorfreude auf das Intervalltraining. Donnerstag morgen steigert sich dieses Gefühl ins Unermessliche nachdem ich realisiere, dass so ziemlich alles schief läuft. Das Zitat des gebrauchten Tages, der einem angedreht wurde schwirrt in meinem Kopf herum. Bis auf ein paar Minuten am Nachmittag regnet es denn ganzen Tag heftig und für einen, der die letzten Jahr(zehnt)e, in denen er sich sportlich betätigt hat, eigentlich immer in der Halle war bzw. wenn er mal draußen laufen war, dann aber auch immer bei gutem Wetter – für so einen wie mich, stellt sich bei diesen Verhältnissen schon die Frage, ob das wirklich nötig ist :-)
Die Gedanken an Schwimmbrille und die Frage, wie man am besten einen Rettungsring mit sich führt, verschwinden als aus unerfindlichen Gründen der Regen merklich nachlässt und pünktlich ab Mitte des Lauftrainings gar komplett aufhört – sollte ich mich etwa unnötigerweise zuvor noch im Laufladen mit einer neuen für eigentlich erwartete Wetterbedingungen geeignete Laufjacke ausgerüstet haben!? Für den Moment scheint es so, aber ich gehe schwer davon aus, dass in den nächsten Wochen die Unwetter nicht genau im Zeitfenster des Lauftrainings verschwinden. Danke nochmal für die Beratung im Laufladen an dieser Stelle.
Das Intervalltraining an sich lief - angesichts meines bis dahin bescheidenen Tages – eigentlich ganz vernünftig, auch wenn die letzten 2-3 km schon gehörig anstrengten. Mit der Zuversicht, diesen miesen Tag überstanden zu haben, bin ich schnell heim in die Wanne und dann auch kurz drauf totmüde eingeschlafen.
Samstag machte ich mich noch vor einem gemütlichen Frühstück auf die Strecke bevor es dann nachmittags zu Freunden nach Dresden geht. Dort laufe ich dann zum Wochenabschluss die 25km an der Elbe entlang bei Minusgraden und leichtem Schneefall am Sonntag Morgen – bei entsprechend guter Bekleidung (und Begleitung) vergeht die Zeit, die man unterwegs ist, doch recht schnell und angenehm. Das Einzige, was wirklich nervt, sind die Passagen, wo man auf Kopfsteinpflaster unterwegs ist – das staucht gewaltig. Unterwegs begegnet mir gar ein Läufer, der in kurzen Hosen unterwegs ist – sein Kopf glüht rot … wahrscheinlich war seine einzige lange Laufhose einfach in der Wäsche.
Am Ende der Woche hab ich also alle Trainingseinheiten vorbildlich absolviert, gehe schmerzfrei und ein wenig stolz darauf in Woche 3 des Vorbereitungsprogrammes in Richtung Leipzig-Marathon.
Woche 3
Woche 3 Mit knackigen Temperaturen die ganze Woche über kommt es erstmals zum Kampf zwischen Vernunft und innerem Schweinehund oder in diesem Falle wohl eher Schweinepolarbär … nunja, bis auf Sonntag hab ich mich dann doch der Kälte draußen gestellt und auch Samstag bei -14.5°C lief ich die 15km und wider Erwarten fühlte ich mich richtig gut danach – das einzige Problem war, dass man einfach nicht stehen bleiben sollte bei solchen Temperaturen – solange man in Bewegung ist und entsprechend bekleidet ist passt das eigentlich alles :-)
Zum Glück war es ja „nur“ kalt, kaum zugefrorene und glatte Passagen bzw. meterhoher Schnee – ich glaub, ich war früher nicht einmal bei solchen Temperaturen Skifahren, weil ich eigentlich ne richtige Frostbeule bin … ok, der Sonntag, an dem ich nur Abends ein Zeitfenster fürs Laufen frei hatte, war dann doch ne Nummer zu blizzard-ähnlich, als dann zwar nur noch -10°C waren aber der Wind ein ordentliches Schneetreiben zu Gesamtwetterlage beitrugen, sodass ich den Sonntag kurzerhand – trotz guter Vorsätze – dann doch im Warmen verbrachte.
Ansonsten lief die Woche eigentlich ganz gut – keinerlei Schmerzen, Wadenzwicken oder ähnliches – bin erstmals bei völliger Dunkelheit nur mit Stirnlampe gelaufen. Das ganze ist schon ein wenig unheimlich und ungewohnt für nen Stadtmenschen, aber hat soweit funktioniert. Donnerstag zum gemeinsamen Lauftraining und für dieses Jahr letztem Intervall-Lauf waren bei -6°C doch ne relativ ordentliche Anzahl Läufer vor Ort – meine 4:30mins-Laufgruppe in ähnlicher Stärke wie die beiden Wochen zuvor – nur Kämpfer (sowie einige -innen) in meiner Gruppe – keine Weicheier :-) und dank des Ehrgeizes des eingesprungenen Laufbetreuers, der die 2min Pause zwischen den 1km-Abschnitten stets relativ frei interpretierte :-), war dies die bisher härteste Einheit im Rahmen des Laufseminars …
Also, auf geht’s in die Weihnachtswoche mit guten Vorsätzen. Achja – ich wurde inzwischen schon von mehreren Leuten angesprochen, ob ich etwa abgenommen hätte – nun, es ist nicht so, dass ich vor 2 Monaten 10kg mehr auf den Rippen hatte, aber mit der Erhöhung der Trainingsintensität (was Anzahl der Einheiten pro Woche bzw. Distanzen betrifft) seit ungefähr 5-6 Wochen ist es schon so, dass ich im Gürtel ein neues Loch brauchte, damit die Hose nicht rutscht und langsam solche dünnen Langläuferbeinchen bekomme. Nunja, mal schauen, wie sich das nach den ganzen Weihnachtsleckereien verhält, jedenfalls kann ich da beruhigten Gewissens den ein oder anderen Kloß mehr essen kann, weils bei Mutti einfach schmeckt :-)